Die bekannten Empfehlungen von etwa 7–9 Stunden sind Orientierungswerte und keine für jeden Menschen identische Vorgabe. Der Schlafbedarf eines jeden ist individuell.
Lerche oder Eule - der Chronotyp
Ob wir eher Lerche oder Eule sind, zeigt sich nicht nur an unseren bevorzugten Schlafzeiten. Untersuchungen zeigen, dass sich frühe und späte Chronotypen auch hinsichtlich biologischer Marker ihrer inneren Uhr unterscheiden. So unterscheiden sich Morgen- und Abendtypen beispielsweise darin, wann am Abend der Melatoninspiegel ansteigt und zu welcher Tageszeit der Cortisolspiegel seinen Höhepunkt erreicht. Viele Untersuchungen zeigen, dass bestimmte gesundheitliche Auffälligkeiten bei Menschen mit einem späten Chronotyp häufiger vorkommen als bei Morgentypen. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch schließen, dass das „Eule-Sein“ an sich ungesund ist. Vielmehr deuten Studien darauf hin, dass möglicherweise ein anderer Faktor entscheidend ist. Nämlich wie gut stimmen unsere innere biologische Uhr und unser tatsächlicher Tagesablauf miteinander überein.
Ausgeprägte Morgentypen können auch gesundheitliche Nachteile aufweisen, wenn ihre Aktivitäten dauerhaft zu Zeiten stattfinden, die nicht zu ihrer inneren Uhr passen. Wissenschaftler sprechen dabei von einer zirkadianen Fehlanpassung (circadian misalignment).
Entscheidend könnte also weniger sein, ob wir eine Lerche oder eine Eule sind, sondern vielmehr, ob wir dauerhaft gegen unseren individuellen biologischen Rhythmus leben.
Wie viel davon steckt in unseren Genen?
Ob wir eher „Lerche“ oder „Eule“ sind, ist nicht allein eine Frage unserer Gewohnheiten. Auch genetische Faktoren tragen zur Ausprägung unseres Chronotyps bei. Große genetische Untersuchungen haben zahlreiche Genvarianten identifiziert, die mit einer früheren oder späteren zeitlichen Ausrichtung unserer inneren Uhr in Verbindung stehen. Gleichzeitig wird der Chronotyp durch weitere Faktoren wie Alter und Lichtexposition beeinflusst.
Aktuelle Untersuchungen zeigen zudem Zusammenhänge zwischen dem Chronotyp und Schlafproblemen. In einer Meta-Analyse wiesen Menschen mit einer ausgeprägten Abendorientierung deutlich häufiger Symptome einer Insomnie auf als Morgentypen. Unterschiede in der zeitlichen Ausrichtung können sich bereits früh im Leben zeigen.
Eine ausgeprägte Abendorientierung muss jedoch nicht zwangsläufig problematisch sein. Schwierigkeiten können insbesondere dann entstehen, wenn die eigene innere Uhr nicht mit den Anforderungen des Alltags übereinstimmt. Wer von Natur aus spät müde wird, aufgrund von Arbeit oder anderen Verpflichtungen aber regelmäßig sehr früh aufstehen muss, kann dadurch Schlaf verlieren und dauerhaft gegen seinen biologischen Rhythmus leben.
Der eigene Chronotyp lässt sich zudem nicht beliebig verändern. Die Morgen- oder Abendorientierung bleibt im Erwachsenenalter bei vielen Menschen relativ stabil. Statt zwanghaft aus einer „Eule“ eine „Lerche“ machen zu wollen, könnte es daher sinnvoller sein, den eigenen Chronotyp zu kennen und diesen, soweit es der Alltag zulässt bei der Gestaltung des Schlaf-Wach-Rhythmus zu berücksichtigen.
Zukunftsausblick
Obwohl Chronotypen bereits seit Jahrzehnten erforscht werden, sind viele Fragen noch offen. So ist beispielsweise noch nicht vollständig geklärt, wie stark sich unser Chronotyp im Laufe des Lebens verändern kann und warum manche Menschen eine während der Jugend entwickelte Abendorientierung langfristig beibehalten.
Auch die Bestimmung des Chronotyps stellt die Forschung vor Herausforderungen. Je nachdem, ob die Einordnung anhand der eigenen Einschätzung, eines Schlaftagebuchs oder objektiver Bewegungsdaten erfolgt, können sich Unterschiede in den Ergebnissen ergeben.
Die bisherigen Erkenntnisse zeigen daher interessante Zusammenhänge zwischen Chronotyp, Schlaf und verschiedenen Gesundheitsfaktoren. Welche Mechanismen diesen Zusammenhängen zugrunde liegen und welche Rolle dabei genetische Faktoren, der individuelle Lebensstil und die Übereinstimmung zwischen innerer Uhr und Alltag spielen, muss noch genauer untersucht werden.